Das Geheimnis des Gewinnfreibetrags - Investorella

Das Geheimnis des Gewinnfreibetrags

Wie die steuerbegünstigte Altersvorsorge für Selbstständige geht

 

– Blogartikel, Autorin Larissa Kravitz

Angestellte in Österreich bekommen ein 13. und 14. Gehalt. Dies ist steuerbegünstigt, das bedeutet sie zahlen weniger Lohnsteuer dafür. Aber was ist mit Selbstständigen? Ja, für sie gibt es auch etwas, nämlich den investitionsbedingten Gewinnfreibetrag. Doch leider kennen ihn die wenigsten. Daher heißt dieser Artikel auch “Das Geheimnis des Gewinnfreibetrags”. Viel zu wenige Selbstständige in Österreich wissen darüber bescheid. Das ist unheimlich schade, denn sie verpassen dadurch die Chance steuerbegünstigt für’s Alter vorzusorgen.

Wenn du heute das erste Mal über den investitionsbedingten Gewinnfreibetrag liest und gleich einen Aha-Moment hast, dann behalte dieses Geheimnis bitte nicht für dich. Teile diesen Artikel mit den Selbstständigen in deinem Umfeld, damit auch sie davon profitieren können und im Alter besser versorgt sind.

Lass uns loslegen

Wenn ich Workshops halte frage ich für gewöhnlich wie viele Teilnehmerinnen selbstständig sind. Dann frage ich wer von ihnen der investitionsbedingten Gewinnfreibetrag kennt und nutzt. Meistens heben nur eine oder zwei Personen die Hand. Oft sind es Steuerberaterinnen, Frauen die mit einem Steuerberater zusammen sind oder Frauen, die von ihren Banken darauf angesprochen wurden, was leider auch viel zu selten passiert. Die meisten Selbstständigen hören in einem meiner Workshops jedoch das erste Mal davon. Das ist unheimlich schade, denn wer den investitionsbedingten Gewinnfreibetrag nicht nutzt, lässt nicht nur bares Geld liegen, sondern verpasst auch eine steuerbegünstigte Form der Altersvorsorge. Eine Teilnehmerin sprach mich am Ende eines Workshops darauf an. Sie war zu dem Zeitpunkt seit 11 Jahren selbstständig und konnte nicht fassen, dass ihr Steuerberater sie nie darauf aufmerksam gemacht hatte. Sie hatte über 10 Jahre jedes Jahr Geld am Tisch liegen lassen. Kurz nach dem Workshop nutzte sie den Gewinnfreibetrag das erste Mal und hat mittlerweile eine gute 5-stellige Summe angespart.

Der steuerliche Rahmen

Also gut, wie funktioniert dieser investitionsbedingte Gewinnfreibetrag? Da dieses Wort nur schwer lesbar und noch schwerer auszusprechen ist, wird der Begriff ab jetzt IBGF abgekürzt.

Alle Selbstständigen haben einen Basis-Gewinnfreibetrag von 13% bis EUR 30.000, der automatisch berücksichtigt wird. Ein Gewinnfreibetrag ist jener Betrag, für den man keine Einkommensteuer entrichten muss. Man kann den Basis-Gewinnfreibetrag erhöhen, in dem man einen Teil des Gewinns in gewisse Wertpapiere investiert. Das bedeutet, dass man für diesen Teil des Gewinns keine Einkommensteuer entrichten muss. Dies gilt für Personengesellschaften und ist natürlich gedeckelt.

Im Prinzip investiert man also mit noch unversteuertem Geld in Wertpapiere. Diese Wertpapiere müssen langfristig gehalten werden (mindestens  4 Jahre) und eignen sich somit gut als mittel- oder langfristige Vorsorge.

Wie hoch ist dieser investitionsbedingte Gewinnfreibetrag? Hier ist die für 2021 gültige Staffelung:

  • Bis EUR 175.000 Gewinn – 13%
  • Für die nächsten EUR 175.000 – 7,5%
  • Für weitere EUR 230.000 – 4,5%
  • Ab EUR 580.000 steht kein IBGF mehr zu

Für weitere Informationen und rechtlichen Details, könnt ihr euch den dazugehörigen Artikel der Wirtschaftskammer ansehen: Der Gewinnfreibetrag – WKO.at. Er ist super gestaltet, enthält alle nötigen Informationen und es gibt ein umfangreiches FAQ dazu: Gewinnfreibetrag – FAQ – WKO.at

Die Höhe des Gewinnfreibetrags

Die Höhe des Gewinnfreibetrags muss man meist schätzen. Ich ließ mir von meinem Steuerberater eine Saldenliste für November ausstellen. Den Gewinn für den Dezember kann man – vor allem wenn man seine Buchhaltung immer brav laufend macht – relativ einfach abschätzen. Dies ist enorm wichtig, denn um den IBGF mit Wertpapieren zu nutzen, muss man die Transaktion noch im betreffenden Kalenderjahr tätigen. Man kann also nicht darauf warten, dass der endgültige Gewinn vielleicht im Jänner oder Februar fest steht und dann erst die Wertpapiertransaktionen tätigen.

Welche Wertpapiere

Für den IBGF kann man nicht jedes beliebige Wertpapier verwenden. Es gibt hierfür eine spezielle Kategorie von erlaubten Wertpapieren. Die Liste dieser ist lang und auch im Artikel der WKO verlinkt. Aktien und ETFs z.B. gehören nicht dazu. Der IGBF ist also kein Werkzeug, um die eigenen Sparpläne zu füttern.

Für Privatinvestorinnen eignen sich daher meist Fonds die diese Kriterien erfüllen am besten; sogenannte EStG§14-Fonds. Dabei handelt es sich generell um relativ stabile, breit diversifizierte und wenig volatile Fonds. Konservative Fonds zur Alterssicherung, wenn man so will.

Wie komme ich zu EStG§14 Fonds? 

Nun, wie finde ich solche EStG§14-Fonds? Das ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach, aber in diesem Artikel zeige ich dir eine Möglichkeit auf.

Manchmal werden Selbstständige mit hohen Kontoständen von ihren Banken Ende des Jahres auf den IBGF aufmerksam gemacht. So gut wie jede große österreichische Bank bietet selbst solche Fonds an. Ist man Kundin eines Online-Brokers oder will man aus dem breiten Spektrum außerhalb der Produktpalette der eigenen Bank auswählen, so gibt es zum Glück auch ein Tool dafür.

 

Das Portal Fonds Professionell, das eigentlich ein Branchenmagazin für Vermögensberater:innen ist, hat eine sehr gute Fonds-Suchmaschine. Diese erlaubt User:innen auch dezidiert nach EStG§14-Fonds zu suchen. Diese sind jedoch etwas überraschend benannt, nämlich “Abfertigungsfonds”. Grund hierfür ist, dass diese Fonds ursprünglich zur Veranlagung von Abfertigungsrückstellungen aufgelegt wurden. Hier ein kurzer Blick auf die Suchmaschine: Fondssuche | Detailsuche | FONDS professionell

Ist man dort angekommen, so kann man das Kästchen “Abfertigungsfonds” ankreuzen:

Diese Suchanfrage wirft 216 Fonds aus. Das ist reichlich. 

Die Fondsauswahl und das Portfolio

Da es über 200 EStG§14-taugliche Fonds gibt, muss man sich nun überlegen welche man für sich selbst auswählen will. Wie macht man das? Wie fast immer in der Investment-Welt, gibt es den Top-down oder den Bottom-up-Approach. 

Beginnen wir von unten, also mit der Bottom-up-Herangehensweise. Man kann z.B. die Ergebnisse der Fondssuchmaschine nach langfristiger Rendite oder Volatilität sortieren. Man kann Dachfonds ausschließen, wenn man solche nicht möchte oder nur nachhaltige Fonds auswählen. Kurz gesagt, man kann die Parameter der Suchmaschine manipulieren, um auf die Ergebnisse zu kommen die man möchte. Das ist die eine Herangehensweise. 

Die andere wäre Top-down. Dabei geht man von seinem existierenden Gesamtportfolio aus. Besitzt man z.B. bereits eine oder mehrere Immobilien und hat somit ein immo-lastiges Portfolio, so würde man EStG§14-Fonds wählen, die andere Assetklassen enthalten, z.B. Aktien und Anleihen um das Portfolio etwas besser zu streuen. 

Sobald man eine Shortlist einer handvoll Fonds hat, geht man zur Factsheet- bzw. Fondsanalyse und zum Vergleich der Fonds über. Teilnehmerinnen des Online-Kurses “Investieren für Einsteigerinnen” finden die Details zur Fondsanalyse in Kapitel 6 des Kurses. Falls du noch nicht teilgenommen hast, kannst du dich hier für die nächste Kohorte registrieren: ► Investieren für Einsteigerinnen – Der Onlinekurs (investorella.at)

Wer sind die Spitzenreiter?

Die folgenden Listen zeigen die besten Fonds in den verschiedenen Kategorien. 

Dachfonds wurden bei den meisten Suchen ausgeschlossen. Der Grund dafür ist, dass ich persönlich kein Fan von Dachfonds (Fonds, die weitere Fonds enthalten)  bin, da sie meist zwei “Schichten” an Gebühren enthalten. 

Ebenfalls sind in diesen Listen nur thesaurierende Fonds inkludiert. Warum? Bei längerer Veranlagung macht es Sinn die thesaurierende Variante zu wählen. Einerseits da man die Dividenden aktuell nicht braucht und es effizienter ist sie innerhalb des Fonds veranlagen zu lassen und andererseits wegen des kleinen steuerlichen Vorteils den thesaurierende Fonds in Österreich genießen. 

Ebenfalls wichtig: diese Listen sind das Ergebnis der Suchmaschine und dienen als Beispiele. Sie stellen keine Anlageberatung dar. 

Die folgende Liste zeigt die Top-Performer, die in den letzten 3 Jahren ein Sharpe Ratio (Rendite/Risiko-Verhältnis) von mehr als 1 hatten. Die Ergebnisse sind nach der 4-jahres-Rendite sortiert. 

Wählt man zusätzlich das Kriterium “Nachhaltigkeit” aus, so ergibt sich folgende Liste. Sie umfasst nur 9 Ergebnisse:

In diesen beiden Listen sind ebenfalls Immobilienfonds inkludiert. Wenn man das Thema Aktien im eigenen Portfolio bereits umfassend abgebildet hat, könnte man diese zur Diversifizierung nutzen. Hier sind sie noch einmal gesondert aufgelistet:

Erfahrenen Investorinnen wird bei den Listen sofort auffallen, dass die Rendite der besten Fonds relativ weit hinter der Rendite der weltweiten Aktienmärkte zurück liegt. Dies liegt daran, dass EStG§14-Fonds per Gesetz relativ konservativ veranlagen müssen und daher meist hohe Anleihenanteile und geringe Aktienanteile haben.

Worauf muss ich noch achten?

Die Fondssuche von Fondsprofessionell ist ein sehr hilfreiches Tool. Alternativ kann man auch beim Online-Broker die Liste der dort handelbaren EStG§14-Fonds erfragen. Nicht alle Broker haben alle EStG§14-Fonds im Sortiment. Das ist jedoch kein Problem, weil die meisten dieser Fonds auch börslich gelistet sind. So kann man sie z.B. über die Börse Frankfurt handeln, obwohl der Broker mit dem Fondsanbieter keinen Vertriebsvertrag hat.

Wenn wir schon bei Vertriebsverträgen sind: Die Gebühren für den Einstieg in diese Fonds sollte man sich auf jeden Fall ansehen. Die meisten von ihnen haben Ausgabeaufschläge. Viele Online-Broker geben jedoch Rabatte auf diese Ausgabeaufschläge. Solche Ausgabeaufschläge können bis zu 5% betragen. Bei einem Rabatt kann man also einiges sparen.

Ein weiteres Thema ist die Verwahrung deiner EStG§14-Fonds, vor allem die Frage, ob man dafür ein separates Depot haben sollte. Bei dieser Frage scheiden sich die Geister und ich habe auch aus verschiedenen Quellen verschiedenes gehört. Als ich bei meinem Finanzamt nachfragte, hieß es ich muss als Unternehmerin ein Verzeichnis der Fonds haben, also eine Liste. Das Wertpapierunternehmen mit dem ich zusammenarbeite meint jedoch, ein separates Depot ist nötig. Von Steuerberatern habe ich in dieser Hinsicht auch unterschiedliche Dinge gehört. Scheinbar sehen unterschiedliche Finanzämter das auch unterschiedlich. Ich persönlich bin den sicheren Weg gegangen und haben meine EStG§14-Fonds auf einem separaten Depot.

Rechtzeitig traden – ein äußerst wichtiger Punkt

Einen enorm wichtigen Punkte habe ich bereits im Artikel angesprochen, nämlich die Fristen. Der Fonds muss  im betreffenden Kalenderjahr erworben werden damit man ihn für den IBGF verwenden kann. Man muss ihn also vor dem 31.12. besitzen. Besitzen bedeutet nicht den Trade ausgeführt zu haben, sondern der Fonds muss auch ins Depot eingebucht sein. Dies kann, je nachdem wo man den Fonds erwirbt, 2-3 Tage dauern.

Bei online Depots wird einem das Wertpapier meist ein paar Sekunden nach dem Trade schon im Depot angezeigt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Trade im Hintergrund bereits abgewickelt (gesettled) und gebucht ist! Bitte merk’ dir das.

In der Praxis bedeutet das also, dass du deine Trades bereits einige Tage vor dem Ende des Jahres machen musst. Dabei musst du auch alle Feiertage bedenken, denn ein Feiertag an dem die Banken nicht arbeiten und die Börsen geschlossen sind, zählt nicht als Abwicklungstag. Die Wochenenden zählen auch nicht. Wenn du also die Frist bis zur Buchung deiner Fondsanteile berechnest, musst du in Arbeitstagen denken, nicht in Kalendertagen. Um absolut sicher zu gehen, ruf bei dem Broker an und frage nach den genauen Fristen.

Früh beginnen

Wenn du schon länger selbstständig bist, ein relativ reguläres Einkommen hast und deinen Jahresgewinn schon Anfang des Jahres gut abschätzen kannst, dann kannst du auch diesem Last-Minute-Stress zwischen deinen Weihnachtseinkäufen und der Neujahrsparty entgehen, indem du bereits unterjährig EStG§14-Fondsanteile erwirbst. Dies hat nicht nur einen praktischen Vorteil, sondern auch den Vorteil der unterjährigen Rendite.

Langfristig investieren

Nachdem du dich einmal mit dem investitionsbedingten Gewinnfreibetrag vertraut gemacht hast, ist es etwas, das du Jahr für Jahr nutzen kannst um zu deiner Altersvorsorge beizutragen. Ähnlich wie ETF-Sparpläne, kann das zu etwas werden das automatisch mitläuft. Oder es wird Jahr für Jahr das Weihnachtsgeschenk an dein zukünftiges Ich.

Dieser Artikel hat dir hoffentlich die Basics erläutert. Bei der WKO und bei der Steuerberatung kannst du natürlich rückfragen, um absolut sicher zu gehen, dass du alles richtig machst. Falls du bei der konkreten Auswahl der Fonds noch Hilfe brauchst, dann kannst du dich bei einer Vermögensberatung schlau machen oder dich im Onlinekurs zum Thema Fondsbewertung weiterbilden.
Und wenn du jemanden kennst, der oder die auch selbstständig ist und davon profitieren könnte, dann teile den Artikel mit ihm oder ihr.

 

 

Über die Autorin, Larissa Kravitz
Larissa Kravitz beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Märkten, ist Finanzmathematikerin, ehemalige Aktienhändlerin, Strategieentwicklerin, Treasury-Managerin und Aufsichtsrätin und besitzt ein Vermögensberatungs- Unternehmen. Nun ist ihre Mission, die finanzielle Autonomie von Frauen und Familien durch Bildung zu stärken.

Was denkst du? Lass es mich wissen:

 

1 Kommentar

  1. Marita

    Larissa DANKE!!!

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.