Finanzielle Disziplin? - Vergiss es! - Investorella

Finanzielle Disziplin? – Vergiss es!

Hier sind Alternativen, die wirklich funktionieren (und ein Marshmallow)

– Blogartikel, Autorin Larissa Kravitz

Mehr Sparen und Investieren und dafür weniger Geld für sinnloses Zeugs ausgeben – das betrifft uns wohl alle zu einem gewissen Grad.

Besonders relevant ist diese Entscheidung für FIRE-Anhängerinnen. Für diejenigen, die FIRE noch nicht kennen:

Die Abkürzung steht für Financial Independence, Retire Early, also finanzielle Unabhängigkeit und frühe Rente. 

FIRE-Enthusiastinnen sind meistens auch – freiwillig oder gezwungenermaßen – Frugalistinnen. Frugalistinnen sind extreme Sparerinnen die wirklich jede Ausgabe doppelt evaluieren bevor sie sie tätigen. Eine gute und teilweise lustige Doku über FIRE und Frugalismus lief vor kurzem im ARTE namens “Rente mit 40? – Heute verzichten, später genießen”. Von mir erhält sie das Prädikat “absolut sehenswert”. 

Bei einer Szene musste ich ein bisschen schmunzeln, nämlich als einer der Protagonisten der Doku im Supermarkt stand und seine Frau anrief und fragte ob es wirklich die Spätzle um € 2,49 sein müssen, oder ob es die wesentlich günstigeren Nudeln nicht auch täten. Das war dann schon viel zu extrem für meinen Geschmack.


FIRE oder ein kleines Vermögen mit Frugalismus zu erreichen ist ein sehr extremer Weg, der scheinbar nur für wenige Menschen taugt. Disziplin bei finanziellen Belangen täte uns aber wohl allen gut, denn überhöhte Konsumausgaben sind der absolute Feind des Vermögensaufbaus. Gleichzeitig ist Disziplin extrem schwierig. 

 

 

Die omnipräsente Versuchung

Heutzutage, in unserer digitalisierten Welt, ist die Versuchung im wahrsten Sinne überall. In der Stadt gehen wir durch Einkaufsstraßen und an Werbeplakaten vorbei. Auf dem Sofa am Abend begegnen uns Fernsehwerbung, Product Placement und Social-Media-Ads. Mir geht es nicht anders. Ich gehe mit meinem Sohn spazieren und denke mir dann auch: “Oh, ein heißer Kaffee mit Milchschaum und Schlagobers wäre jetzt nett” (Kostenpunkt € 5), oder “Wow, hübsches Kleid, das würde mir super stehen.” (Kostenpunkt € 99) In solchen Situationen muss ich mich auch “zusammenreißen” wie meine Großmutter sagen würde. 

Zusammenreißen, sich selbst einschränken, diszipliniert sein – das funktioniert leider bei den meisten Menschen relativ schlecht. Wir versagen darin und dann schämen wir uns. Auch ich habe jahrelang an meiner eigenen Disziplin gearbeitet und mir gesagt: “Komm, du MUSST das jetzt machen!”. Als ich es dann nicht schaffte, habe ich mich selbst verflucht. Meine Scham wurde noch dadurch intensiviert, dass ich mich in der Verhaltensökonomie gut auskenne. Ich weiß somit, wie unheimlich wichtig Disziplin für den langfristigen Erfolg, nicht nur den finanziellen, ist.

 

Das entscheidende Marshmallow

Einer der wichtigsten psychologischen Studien dazu ist der sogenannte “Marshmallow Test”, der von Mischel & Ebbsen 1970 entwickelt wurde. Hierbei wurde 32 Kindergartenkinder ein Marshmallow, also eine Süßigkeit, vorgesetzt. Den Kindern wurde gesagt, dass sie ein 2. Marshmallow dazu bekommen, wenn sie es schaffen lange genug zu warten.

Dann wurde gemessen ob und wie lange Kleinkinder in der Lage sind, Belohnungen zu verschieben. Die Fähigkeit Belohnungen oder Bedürfnisse zu verschieben, auf Englisch ‘delay gratification’ ist essentiell. Das stellte sich einige Jahrzehnte später heraus, denn man verfolgte die Entwicklung der Leben dieser Kinder. Forscherinnen beobachteten, dass jene Kinder die die Fähigkeit der Belohnungsverschiebung gut beherrschten in allen sozio-ökonomischen Markern besser abschnitten, sei es Einkommen, Gewicht, stabile Beziehungen oder Gesundheit. Das ist eine gute und schlechte Nachricht zugleich. 

 

Die gute Nachricht: Wir haben scheinbar den Schlüssel zum Erfolg im Leben gefunden. Die schlechte Nachricht: Es ist Disziplin.

 

Hm. 

 

 

Was tun, wenn Disziplin schwer fällt?

Ein Leben lang gegen uns selbst kämpfen, unsere Wünsche mit Gewalt unterbinden, uns selbst verbiegen und kasteien? Hört sich nicht sehr spaßig an. 

Es muss einen besseren Weg geben, dachte ich mir, und begann danach zu forschen. Ich las einige Studien darüber was in den Kindern während des Marshmallow-Test mental und emotional vorging und welche Strategien sie anwendeten. Die interessanteste Studie dazu, die es auch schaffte einen Großteil der erfolgreichen Bedürfnisverschiebung zu erklären, ist das Hot/Cool-Modell, das an der Columbia University erforscht wurde. Hier wird zwischen zwei emotionalen Bereichen (States) unterschieden. 

Im Hot State ist man im wahrsten Sinne heiß auf das Ding, das man will. Dieser State ist emotional geprägt, man ist bereit loszulegen, eher im ängstlichen Stress, macht sich nicht zu viele Gedanken. Das Gegenteil davon ist der Cool State, in dem man im wahrsten Sinne cool drauf ist, man macht sich mehr Gedanken, ist etwas langsamer und auch Stress wirkt in diesem State eher anregend als beängstigend. Menschen die mehr im Cool State verbringen, tun sich mit der Bedürfnisverschiebung leichter. 

 

Wie funktioniert das also mit der Disziplin in der Praxis? Genau genommen gar nicht. Man kann den Hot State nicht ausschalten. Man kann ihn nur durch Alternativen ersetzen, z.B. durch eine Bewegung in den Cool State, oder, durch einen anderen, hochwertigeren Hot State.

 

 

Coole Kinder und heiße Marshmallows

Beim Marshmallow Test (und hierzu gibt es wirklich niedliche YouTube-Videos) fanden erfolgreiche Kleinkinder Wege, um sich runterzukühlen. Manche schauten in die Luft und begannen, sich andere Dinge vorzustellen. Manche machten die Auge zu und gingen somit innerlich in einen anderen Raum. Andere inspizierten das Marshmallow im Detail und machten es somit zu einem Forschungsobjekt anstatt einer Süßigkeit. Die Gedankenwelt absichtlich in eine andere Richtung zu lenken ist eine der Wege sich in einen cool State zu bewegen. Man geht vom Emotionalen ins Analytische. Das ist die eine Alternative. 

 

Die zweite Alternative ist das kreieren eines hochwertigeren Hot States. Das kann man auch mit der ersten Alternative kombinieren. Je nach Persönlichkeitstyp oder Laune, wird einem das eine oder andere wohl leichter fallen. Mir macht der alternative Hot State meistens mehr Spaß. Die Marshmallow-Kids schufen diesen, indem sie begannen zu Spielen, zu Singen, oder im Raum Herumzutanzen. Kurz gesagt – sie schufen einen State der positiven emotionalen Aufregung, der aber nichts mit dem Marshmallow zu tun hatte. 

 

 

Zurück zur Realität

Wie kann man die Cool und Hot States nun bei sich selbst anwenden? Ich gebe euch einmal ein Beispiel von mir selbst. Sagen wir mal, ich gehe durch ein Einkaufszentrum und sehe ein Kleid, das mir gefällt. 

 

Früher hätte ich versucht mich zu “disziplinieren”. Meine Gedanken wären ungefähr so abgelaufen: Oh Wow, schönes Kleid. Was, jetzt will ich schon wieder etwas kaufen? Ich habe schon genug! Jetzt schäme ich mich dafür, dass ich mir sowas wünsche! Ich sollte doch anders sein, diszipliniert! Ich bin schlecht und schwach. So wird nie was aus mir! 

Dann hätte ich mich geschämt und traurig gefühlt. Mein Gehirn, das in der Vergangenheit ja gelernt hat, dass ein spontaner Kauf Dopamin ausschüttet, hätte dann nach jedem Strohhalm gerungen damit es mir wieder besser geht. 

Nun geht es mir dreckig. Na jetzt ist es auch schon wurscht! Ach, f*** it, kauf’ ich das Ding halt. 

 

Heute mache ich es anders. Je nach Laune oder Tagesverfassung kreiere ich einen Hot oder Cool State. 

 

Bei Cool States gehe ich ganz ins Analytische, etwa so: Wow, schönes Kleid. Hm, ich frage mich ob das Ding ethisch produziert wurde? Passt es überhaupt mit meinen anderen Dingen zusammen? Es ist schön, doch ich habe weder passende Schuhe, noch einen passenden Turban. Und auf wie viele Partys gehe ich heutzutage noch? Lass’ uns realistisch bleiben. Ich bin mitte 30. Da freue ich mich, wenn ich um 10h Schlafen gehen kann. Und außerdem kostet es € 99. Wenn ich die zu meinem ETF-Portfolio dazugebe, dann habe ich wesentlich mehr davon. In 5 Jahren habe ich dann vielleicht € 200. Hm, wieviel Uhr ist es? Was? 15h! OK, gehen wir weiter!

 

Wenn ich aufgeregt bin, dann kreiere ich mir gerne einen Hot State, etwa so: Wow, tolles Kleid. Das würde mir gut stehen, genauso wie mein beige-lila Kleid, das ich zu Hause habe. Oh, ich liebe mein beige-lila geflecktes Kleid. Das ziehe ich so gerne an! Das ist echt eins meiner Lieblingsoutfits. Ich freue mich drauf, es beim nächsten Fest zu tragen. In 2 Wochen ist ja Hannas Geburtstag! Ich freue mich auf diese Party! Da sind sicher all meine besten Freundinnen. Das wird lustig! Und schon bin ich gut gelaunt, weiter gegangen und habe das Kleid im Schaufenster vergessen. 

 

Der Produktivitäsexperte Cal Newport erklärte Disziplin in einem seiner Podcasts sehr ähnlich. In der Folge 125: What is discipline (and how do I get it) sagte er, dass das Wort allein schon so negativ besetzt ist, dass es vielen Menschen Angst einjagt und schlechte Laune macht. Menschen die produktiv sind und Dinge schnell umsetzen, meinte er, “disziplinieren” sich indem sie sich das große schöne und wichtige Ziel vor Augen halten, eine attraktive Alternative also. 

Also, lass uns zusammenfassen. Versuch’ es nicht mit Disziplin, versuch es mit attraktiven Alternativen. Stell dir vor wie du dein Portfolio checkst und wie groß es bereits in einem Jahr ist. 

Dein zukünftiges ich jubelt jetzt wohl schon innerlich. Es wird dir danken, denn jetzt hast du neue Strategien um deine finanziellen Ziele zu erreichen. 

 

Den technischen Part, also wie du deine Finanzen konkret organisieren kannst, welche Arten von Wertpapieren es gibt, wie du ein Portfolio aufbaust und wie du dein erstes Investment tätigst, den gibt’s im Investorella Online-Kurs “Investieren für Einsteigerinnen” und im Buch “Money, Honey.”

 

Oh, und hier sind deine zwei Marshmallows!

 

Fotocredit: Monika Karaivanova (Unsplash: monika karaivanova @mon1010)

Über die Autorin, Larissa Kravitz
Larissa Kravitz beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Märkten, ist Finanzmathematikerin, ehemalige Aktienhändlerin, Strategieentwicklerin, Treasury-Managerin und Aufsichtsrätin und besitzt ein Vermögensberatungs- Unternehmen. Nun ist ihre Mission, die finanzielle Autonomie von Frauen und Familien durch Bildung zu stärken.

Was denkst du? Lass es mich wissen:

 

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