Sei nicht nur eine Feministin, investiere auch so - Investorella

Sei nicht nur eine Feministin, investiere auch so

– Blogartikel, Autorin Larissa Kravitz

Spekulation! Was für ein anrüchiges Wort, das manche an zugekokste Trader in 90er-Jahre-Nadelstreifanzügen denken lässt. Spekulantin? Ich doch nicht! Oder, doch?

Gerade Frauen spekulieren eher ungern am Finanzmarkt, was man and den geschlechtsspezifischen Investment-Statistiken in verschiedenen Studien nachlesen kann.

Studie: Bereits 1996 fanden Hinz, McCarthy und Turner heraus, dass Frauen in England bei ihren Pensionsinvestments konservativere Anlageformen wählen als Männer. Frauen besitzen weniger Aktien und horten mehr Geld in Sparguthaben, wo es aufgrund der Inflation Jahr für Jahr weniger wert wird.

Wenn man Frauen die Wahl lässt, dann entscheiden sie sich lieber für konservative Portfolios als für progressive, obwohl dies für ihre – im Vergleich zu Männern bereits geringere Rente – schwerwiegende Folgen hat, wie Bartejlsmit und Bernasek in ihrer Studie herausfanden. Deren Forschungspapier sucht nach Gründen für dieses Verhalten und die Autorinn:en vermuten, dass der Gender Pay Gap und der Gender Wealth Gap einen Rolle spielen aber auch das Verhalten bei Finanzentscheidungen im Haushalt.

 

Alles auf eine Karte

 

Doch sind Frauen wirklich so risikoscheu was ihre finanzielle Zukunft betrifft?

Im Gegenteil!

Frauen sind die ultimativen hardcore Spekulantinnen. Wie das? Ganz einfach: Die Durchschnittsfrau in Österreich oder Deutschland setzt was ihre wirtschaftliche Absicherung im Alter betrifft alles auf eine Karte – den Herzkönig.

Auch im Jahr 2021 setzen Frauen die Kinder bekommen in Punkto Altersvorsorge leider immer noch auf ihren (Ehe-)Mann. Frauen machen somit ihre Existenz an der Wette fest, dass der Liebste sie in 30 Jahren auch noch lieben wird. Aber das Investieren….? “Na da könnte ich ja Geld verlieren, das ist mir schon zu risikoreich!”. Betrachtet man es von diesem Blickwinkel aus, so ist das ganze fast schon eine Meme wert. Also sollt ihr sie haben:

 

 

Ladies, echt jetzt? Und das, obwohl ihr wisst, dass knapp jede zweite Ehe geschieden wird?

Im Jahr 2020 betrug die Scheidungsrate laut Statistik Austria 37,8%, 2019 lag sie noch über 40% und in manchen Jahren sogar über 49%.

Auch wenn man glücklich verheiratet ist; wer weiß was in 30 Jahren sein wird? Selbst wenn einem der Mann bleibt, woher weiß man ob man ihn in 30 Jahren noch lieben wird? Mal ehrlich, wie lang hielten denn die meisten eurer vergangenen Beziehungen? Statistisch gesehen ist das Setzen auf eine lang anhaltende Ehe eine höchst spekulative Wette, denn die durchschnittliche Dauer einer Ehe liegt bei 10,6 Jahren.

 

Warum machen Frauen diesen Fehler?

 

Scherz beiseite.

Scheinbar gibt es bei Frauen hier eine massive kognitive Dissonanz was das Risiko betrifft. Solche Dissonanzen kommen häufig vor. Der Durchschnittsmensch hat z.B. auch mehr Angst vor dem Fliegen als vor einem Autounfall, obwohl letzteres statistisch gesehen wesentlich häufiger vorkommt.

Die Wahrscheinlichkeit an einem Autounfall zu sterben ist 1:103. Die Wahrscheinlichkeit an einem Flugzeugabsturz zu sterben 1:188.364. Wir sind generell grottenschlecht darin, Risiken richtig einzuschätzen.

Ein Grund dafür sind die Medien. Berichterstattung hat eine enorme Schlagseite in Richtung Drama, Tragik und Skandale. Doch nur weil über Flugunglücke mehr berichtet wird wenn sie passieren, heißt dies nicht, dass sie öfters vorkommen als Autounfälle, Blitzschläge oder Herzinfarkte.

Genauso ist es mit der Börse und ich glaube die Medien spielen hier eine große Rolle in der allgemeinen Verunsicherung was den Kapitalmarkt betrifft. Wenn in den Mainstream-Medien über die Börse berichtet wird, dann über Extremsituationen wie Game Stop oder Skandale wie Wirecard, aber nicht dass weit über 99,9% der börsennotierten Unternehmen alles ganz normal lief. Klar, denn das hat kaum Dramawert.

Daher gibt es auch Filme wie “The Wolf of Wall Street”. Martin Scorsese ist ein begnadeter Regisseur, aber selbst er könnte keinen Film über einen ETF-Sparplan machen, den auch nur irgendwer ansehen würde (naja, wir Investorellas vielleicht). In Wahrheit ist das Investmentgeschäft im Alltag relativ ruhig und langweilig, doch es wird von den Medien verzerrt dargestellt und wirkt somit höchst risikoreich. Diese mediale Verzerrung führt zu einer “kulturellen” anstatt statistik-basierten Risikoeinschätzung.

 

Risiken im Rentensystem

 

Die Wette auf die Zweierbeziehung ist jedoch nicht die Einzige. Viele Frauen spekulieren noch ein zweites Mal unbewusst, nämlich auf die vermeintlich sichere staatliche Rente, was auch kulturelle Gründe hat, denn die Sicherheit des Rentensystems wird uns laufend gepredigt. “Unsere Pensionen sind sicher.”, “Die staatliche Rente ist nicht vom Kapitalmarkt abhängig.” Ja, ja…eh…seufz!

So wie der Kapitalmarkt als unsicher gilt, so gilt das Rentensystem als sicher weil ein Staat dahinter steht. Bei genauerer Betrachtung hat dieses System jedoch auch Probleme, nämlich die Bevölkerungspyramide. Aufgrund der Überalterung der Bevölkerungen in Europa müssen immer weniger junge Erwerbstätige die Pensionen für immer mehr Renter:innen bezahlen.

Die Last auf die Jungen wird größer, bzw. muss mehr und mehr seitens des Staates aus dem allgemeinen Steuertopf zugeschossen werden oder andere Sozialleistungen gekürzt werden. Es besteht somit eine gewissen Unsicherheit, was unsere Renten betrifft.

Wer auf eine sichere Rente setzt, wettet darauf dass der Staat in dem sie lebt in 30 Jahren noch so aussehen wird wie heute. Dies ist eine gewagte Spekulation! Wenn wir in Europa einmal auf die letzten 100 Jahre zurückschauen, so verschoben sich zahlreiche Grenzen und es gab viele verschieden Währungssysteme. Alleine meine Großmutter hat 4 Währungen erlebt.

Nun sind wir in die EU eingebettet.

Wie wird die EU in 30 Jahren aussehen?

Mit dem Brexit geschah erst kürzlich etwas, das bis dato als unmöglich galt. Wie wird es mit dem Euro weitergehen? All dies sind Faktoren, die viele nicht bedenken, bzw. als Risikofaktoren erkennen. Aber es muss gar nicht einmal so schlimm kommen, dass sich ganze Staaten in Luft auflösen. Simple Reformen die zukünftige Rentenansprüche beschneiden reichen.

Selbst wenn es die nächsten 30 Jahre nicht zu Reformen kommen sollte, könnte es zur Überschuldung von Staaten kommen. Wer glaubt dass Renten nicht gekürzt werden können wenn ein Staat in finanzielle Schieflage gerät, die frage Mal die Griechen. Auch in Irland, Portugal und Spanien standen in der Krisenzeit der 10er-Jahre Rentenkürzungen im Raum und konnten nur knapp durch andere Reformen verhindert werden.

Ein Argument,das für die staatliche Rente oft fällt ist, dass sie nicht vom Kapitalmarkt, der ja oft schwankt, abhängig ist. Das stimmt bei genauer Betrachtung auch nicht ganz. Da ist Einzahlungen in die staatlichen Rentensysteme die Auszahlungen nicht decken, muss der Staat aus dem generellen Steuertopf zuschießen.

In Jahren mit schwächerer Konjunktur muss er sich zusätzlich verschulden. Er muss also Anleihen verkaufen – am Kapitalmarkt. Wenn der Staat sich am Kapitalmarkt nicht mehr refinanzieren kann, dann passiert genau das was in Griechenland passierte – Sozialleistungen und Pensionen müssen gekürzt werden. Die Abhängigkeit des Rentensystems vom Kapitalmarkt besteht also durchaus.

Abseits dieser Risiken hat das Pensionssystem jedoch noch andere Tücken für Frauen: Aufgrund der andauernden Nachricht: “Die Renten sind sicher.”, bleibt dies bei vielen Frauen hängen und sie kümmern sich nicht darum – bis kurz vor Pensionsantritt. Dann kommt der Schock. Im Jahr 2019 lag die Durchschnittspension für Frauen bei EUR 980.

Auch wenn die Risiken, die staatliche Pensionen betreffen nicht eintreten, so sind die staatlichen Renten nicht besonders üppig und stellen wohl auch in Zukunft lediglich eine Grundsicherung dar. Wer also rein auf die staatliche Rente als Versorgungsinstrument setzt, spekuliert also ebenfalls.

 

Aktiv investieren statt unbewusst spekulieren

 

Ihr seht also, dass man im Leben nicht nicht Spekulieren kann. Wir sind alle Teil des Wirtschaftskreislaufs und je mehr wir das akzeptieren und von passiven zu aktiven Akteurinnen werden, desto mehr haben wir es in der Hand: unsere eigene Zukunft und finanzielle Sicherheit aber auch die Mitgestaltung des Systems.

Es gibt keine sicheres Investment, genauso wenig wie es einen ewig sicheren Staat gibt oder eine Ehe die garantiert hält. Doch man kann lernen mit den Risiken umzugehen. Beginnt man am Kapitalmarkt zu investieren und baut sich ein Portfolio auf, so ist es finanziell weniger gravierend wenn man den Job verliert, eine Beziehung endet oder es zu Kürzungen von Renten oder Sozialleistungen kommt.

Mit Marktrisiken kann man umgehen, indem man diversifiziert auf verschiedene Anlageklassen wie Anleihen, Aktien, Gold und Immobilien setzt und bei den Wertpapieren selbst noch einmal streut, also mit Fonds und ETFs anstelle von Einzelaktien. Egal was im Leben kommt. Auf einem finanziellen Polster schläft es sich ruhiger.

So etwas kann man sich selbst aufbauen.

Das Wichtigste daran ist, dass man damit beginnt, sich bewusst dafür entscheidet es zu tun und sich nüchtern und selbstbewusst den Risiken des Lebens stellt. Gerade als Frauen, die Kinder bekommen, Berufspausen machen und unsere Angehörigen pflegen, ist es wichtig nicht allein darauf zu setzen, dass andere ihre vagen Zukunfts-Versprechen halten.

Also liebe Frauen, hört auf unbewusst zu spekulieren und beginnt strategisch zu investieren. Das Wissen dazu gebe ich im Podcast, Buch und Onlinekurs gerne weiter.

Über die Autorin, Larissa Kravitz
Larissa Kravitz beschäftigt sich seit 20 Jahren mit den Märkten, ist Finanzmathematikerin, ehemalige Aktienhändlerin, Strategieentwicklerin, Treasury-Managerin und Aufsichtsrätin und besitzt ein Vermögensberatungs- Unternehmen. Nun ist ihre Mission, die finanzielle Autonomie von Frauen und Familien durch Bildung zu stärken.

Was denkst du? Lass es mich wissen:

 

2 Kommentare

  1. Katja Steinhauser

    Liebe Larissa!
    Toller Blog-Beitrag und ja, es ist erschreckend wie wir Frauen denken und eben nicht agieren! So antiquiert im 21. Jhd 🥺!
    Ich selbst bin Mutter von 2 Kindern (5&7 J) und habe derweilen „nur“ einen 24h Job, der – eh zu erwarten – unterbezahlt ist und hatte (!) auch auf grund dessen diese Denkblockade: „sparen auf Sparbuch und ja nichts riskieren.“
    Dann hörte ich dein Ö3 Interview bei Claudia Stöckl. „Faszinierend! Endlich eine Frau die uns Frauen wachrüttelt!“ Dann habe ich alle deine Podcast gehört, dein Buch gelesen und mich in einer ruhigen Stunde getraut ein Online-Depot zu eröffnen! Ich war so positiv aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mit weiteren online Workshops (auch bei dir!) lernte ich Sparpläne anzulegen und bin mächtig stolz auf mich. Ich habe einen Green Bond Fond und einen Sustainable ETF am Laufen. Beim Anlegen bin ich meinem lieben Mann einen oder gar zwei Schritte voraus – ich habe nml auch eine Disney Aktie gekauft, weil unsere gesamte Familie ganz große Disney Fans sind und ich nun eine kleine Teilhabe daran besitze, das fühlt sich großartig an. Irgendwann kann ich meinen Kindern erzählen, dass ich am Unternehmen eine Aktie halte (das mach‘ ich dann im Disneyland)!
    Auch dein Tipp aus dem Buch „Refinanziere deine Hypothek“ hat uns motiviert mit unserer Hausbank neu zu verhandeln! Wir sind von 2,2% effekt. fix Zinsen auf 0,5% variablen Zinssatz geswitcht. Vorab habe ich andere Banken angeschrieben, mich über den Markt, Gebühren, Euribor/Leitzins & Entwicklungen etc. informiert und nat. mein Pokerface trainiert. Unser Berater (ja ein Mann) hatte keine Zentimeter Spielraum! Wir sind uns sicher: wir ersparen uns auf die nächsten paar Jahre sehr viel an Zinsen! DANK dir und deiner Mission: 1.000.000 Frauen zum Investieren zu motivieren.
    Vielen Dank für all die positiven Vibes, die Tipps und Tricks… ich höre und lese dir gerne zu!
    Mach‘ bitte weiter so!
    Liebe Grüße aus dem Süden Österreichs!
    K.

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  2. Verena

    Liebe Larissa,

    ich wollte Dir an dieser Stelle Danke sagen für deine großartige Arbeit. Ich bin eine (finde ich selber) sehr emanzipierte Frau und habe als Mutter zweier Kinder (6&10 J) es geschaffte meine Doktorarbeit in einem geisteswissenschaftlichen Fach fertig zu schreiben (klingt sehr einfach, ist es aber nicht). Als Geisteswissenschaftlerin habe ich durch die Doppelbelastung Kinder und Doktorarbeit ein finanziell katastrophales System erschaffen: Ein ständiges Jonglieren mit Stipendium, selbstständig arbeiten und Elternkarenzgeld welches mir einen Rentenbescheid in zweistelliger Höhe(ja, weniger als 100 Euro!!) beschert hat. Kurz ausgedrückt: Es ist sich in Kombi mit dem prekären Gehalt meines Mannes (ebenfalls Wissenschaftler) haarscharf ausgegangen die täglichen Ausgaben zu decken.
    In dieser Situation war ich nicht nur emotional von dem Gedanken an meine Rente überfordert sondern es war auch einfach nichts da, mit dem ich hätte vorsorgen können.
    Dieses Jahr bin ich vierzig geworden, hab deinen Podcast gehört und endlich ein online Depot mit Sparplan eröffnet.
    Vielen Dank, denn ohne deine Hilfe würde ich meine Rentenkatastrophe weiter vor mir herschieben und verdrängen.

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